Yogahase


Kommissar Schütz´s undurchdringlicher Fall



Verzweifelt versuchte Kommissar Schütz auf die Beine zu kommen. Sein Kopf hämmerte, er spürte eine lähmenden Schmerz, als ob 8 Tonnen Baumaterial auf seinem Körper abgeladen worden wären. Dazu kam ein undurchdringlicher Schleier von Bewusstlosigkeit, der sich über Nacht auf seine dürre Gedankenlandschaft gelegt hatte. Wenn nicht ein praller Druck seiner Blase ihn zum Aufstehen gezwungen hätte, wäre er liegengeblieben und gestorben. So aber zwang er die tumben Glieder halb kriechend und rollend aus dem Bett, über die wahllos verstreuten Untersuchungsergebnisse seines letzten Falles, durch den mit Katzenhaaren gespickten Vorhang seines Zimmers und schlurfte den unendlich erscheinenden Gang der Wohnung zur Toilette. Sitzend nahm er ein Grummeln seines Magens wahr und ertrug den plötzlichen rektalen Auswurf breiiger Masse, die sich flatschend und stinkend unter ihm sammelte. Mit dem Entladen der unverwertbaren Substanzen der oralen Aufnahme blitzten Bilder cerebral ungesteuert auf, die ihn lachend und lallend an einer Theke zeigten, laute Unterhaltungen und Rhythmen hallten wabernd in seinem inneren Ohr wider, er verfluchte den Wirt der spanischen Bodega und seine nonchalante Art Schnäpse auszugeben.


Tobinsky und Waninger sperrten gerade das Waldstück ab, wo am Morgen ein Nordic Walker mit seinem Walkingstick ein abgetrenntes Ohr aufgepickt hatte. Es war ein braunes langes Ohr mit Haaren und frisches Blut sickerte aus den Wunden.

„Du musst das Band breiter auswickeln, damit es richtig flattert“, bemerkte Waninger, der sich gerade an der oktogonalen Form der Polizeiabsperrung erfreute, die sich durch die Baumgruppe junger Birken ergeben hatte. Mürrisch versuchte Tobinsky das Absperrband einzureissen um es am Stamm festzuknoten.

„Du könntest ruhig mal die Umgebung sondieren und eruieren, ob weitere Anhaltspunkte uns ein Gesamtbild des Tathergangs liefern und ausserdem nimm endlich die blöde Sonnenbrille ab oder meine Spurensicherung brennt langsam durch! Hast Du ein Messer dabei?“

Sekundenschnell zog Waninger die neunfach gefaltete Klinge seines japanischen Kimonomessers aus der Scheide und schnitt exakt zwischen einer weissen und einer roten Fläche durch das Flatterband.

„Tüt endlich das Ohr ein und lass es uns zu Stein bringen, so langsam haben wir den ganzen Hasen zusammen.“


Stampfende Polkaklänge und scheppernde Blasmusik erfüllte den Raum, begleitet von hackenden fleischzerteilenden Schnitten, als Stein die rote Birne blinken sah, das Hackbeil zur Seite legte und die Türe öffnete. Draussen standen Tobinsky und Waninger.

„Wir wissen jetzt ziemlich sicher, dass es ein Hase war; schau Dir dieses Prachtexemplar von Ohr an.“ Tobinsky wedelte mit der gefüllten Plastiktüte vor Steins Augen.

„Ihr mit Eueren waghalsigen Theorien. Wer bringt schon einen Hasen um und verteilt die Einzelteile in der Gegend!“, ereiferte sich der lange schlacksige Pathologe, konnte aber der Vermutung folgen, dass hinter dem Puzzle der Puschelteile mehr steckte, als er sich selber eingestehen wollte. Eine Pfote, eine Stubsnase und ein Stummelschwänzchen waren bisher in seinem Labor gelandet und allen war der süssliche Geruch von Schokolade angehaftet und Rückstände von Aluminium konnten bei genauerer Untersuchung nachgewiesen werde. Wie es aussah war dieser Fall ungewöhnlich verzwickt.

Waninger steckte seine Brille in die Stirnbehaarung und kryptiziertze: „Wo kein Bezug ist, muss man Bezüge herstellen!“

Kommissar Schütz war zerknittert in seinem Büro gesessen und versuchte eine Strategie bezüglich des unerklärlichen Auffindens von Hasenteilen in seinem Revier zu erstellen. Er musste die Bevölkerung in seine Ermittlungen einbeziehen und herausfinden, wo sich weitere Hasenteile befanden, um das Opfer zu rekonstruieren. Wer achtet schon auf Fellbündel, die nach Schokolade riechen; ausserdem war es heiss und die Verwesung würde bald einsetzen. Sandloch, Oberwald, Hardtwald und das Albufer im Weiherfeld waren bisher Fundorte gewesen und wahrscheinlich gab es noch zig weitere Stellen, wo Körperteile des Meister Lampe drapiert worden waren. Er entschloss sich mit der Presse in Verbindung zu setzen und die Bevölkerung zu bitten, die Augen offen zu halten. Er wählte die 385030 und hatte Randy Pigtail an der Strippe. Seine Sendung „Fist in a future“ befasste sich zweiwöchentlich mit ungelösten Kriminalfällen, besonderer Augenmerk immer auf Kleintiermorde, die sich in den letzten Jahren derart gehäuft hatten, das viele Hasen, Meerschweinchen und Federvieh in ständiger Angst lebten und vielen sich schon aus Panik nicht mehr auf die Strasse trauten. Es gab schon mehrere Angsthasenselbsthilfegruppen die fast paranoid den Igeln Kleintiermord im grossen Stil unterstellten.

„Guten Abend liebe Freunde ungelöster Kriminalfälle. „Fist in a future“ bringt Euch heute einen aktuellen Fall zu Gehör, der mir von Kommissar Schütz berichtet wurde. Es geht um die Ermordung eines Hasen und da an vier verschiedenen Stellen in Karlsruhe Einzelteile dieses Tieres aufgetaucht sind, die Schokolade und Aluminiumspuren aufwiesen, drängt sich der Verdacht auf, dass es sich um weitere Gräueltaten des regional agierenden Serientäters handelt, der immer noch unentdeckt Kleintiere zur Strecke bringt und im verzweifelten Versuch Süssspeisen daraus zu bereiten und möglicherweise Kleinkinder zum Verzehr dieser zu verlocken, immer brutaler vorgeht und schon lange die Sonderkommission Böbbele auf Trab hält. Deshalb ergeht der Aufruf an die Bevölkerung die Augen offen zu halten und uns verdächtige Spuren oder gar Fundorte von Hasenteilen zu melden, die stark nach Schokolade riechen. Schon werden Rufe laut, Papst Bubu den 16ten zu zwingen, das Osterfest abzuschaffen, doch wie immer zeigen die Verantwortlichen sich unbeeindruckt von der wachsenden Zahl von Kleintiermorden im badischen Raum. Gefahr geht mittlerweile auch von randalierenden Igelgruppen aus, die den von Angsthasen forcierten Unterstellungen der Kleintiertötung im grossen Stil entgegenzutreten und im Internet dazu aufrufen Hasen auszuweisen. Besonders erschreckend ist auch die Zunahme von Selbsttötungen bei den Lemmingen zu beobachten, die sich in Aluminiumanzügen gekleidet mit heisser Schokolade übergiessen und so einen qualvollen Tod erleiden. Diese Auswüchse müssen wir stoppen. Kein Hase ist illegal! Friede den Langohren, zerstört die Käfige! Kleintiere aller Tierhandlungen vereinigt Euch! Ein kleines Böbbele macht auch Mist. Exkremente bleibt!“

Randy Pigtail holte tief Luft und leitete geschickt zu einem Musiktitel über: „...und jetzt kommt von den Normalos der Hit „Warme Lederratte“.

Währenddessen schwebte über der Pyramide auf dem Marktplatz eine riesige Discokugel die bunte Strahlen durch die Fächerstadt schickte und über ihr rotierte ein Hasenkopf mit nur einem Ohr und aus seinem kleinen Maul tropfte unablässig Schokolade. Sie floss hinunter auf die Pyramide, auf der jemand mit Schokolade die Worte geschrieben hatte: „Die Schokoladenseite der Stadt ist unterirdisch verpackt. Aus dem kleinsten Boboloch pfeift der Unsinn noch. Wer des Rätsels Lösung kennt, gehört schon zum Establishment.“

Kommissar Schütz zog es an die Theke. Er bestellte sich ein Rothaus Märzen und einen Veterano. Der Wirt sagte nur: „Scheiss Deutschland!“ Neben dem Kommissar nippte Papst Bubu der 16te an seiner Kaltschale, während Tobinsky und Waninger im Kickerraum Pfälzer plattmachten; wohlwollend beäugt vom kristalltrinkenden Norbert Stein, der sich eine Selbstgedrehte ansteckte und irgendwas in seinen nicht vorhandenen Bart brummelte. Bill Kinderhirn kam rein und schrie: “Sie haben den Schokotorso im Wildpark gefunden! Der Kleintier Sport Club trainierte gerade Standardsituationen als das Stürmerkrokodil den Corpus Delicti am Flutlicht hängen sah. Er ist völlig geschockt und ruft nur noch irgendwas mit König Ludwig und Blutfehde. Der nackte Mann ist völlig mit Alufolie umwickelt und hat Hasenzähne!“

Kommissar Schütz legte die Stirn in Falten und sagte: „Es hilft alles nichts. Wir müssen den Fall abgeben. Ich werde Marco Monster fragen, ob er übernehmen kann. Er ist Spezialist für diese Fälle. So kommen wir nicht weiter!“



Fortsetzung folgt